DISPLACE
[to displace (verb 1. move (sb/sth) from the usual or correct place 2. take over the place, position, or role of (sb/sth) 3. (especially of war or natural disaster) force (someone) to leave their home – Oxford Dictionary]
Seit über 35 Jahren ist Zypern geteilt. Bis heute findet man in beiden Landesteilen verlassene Orte, zerstörte Häuser und hinterlassene Gotteshäuser, die auf die Flucht der ehemaligen Bewohner schließen lassen. Vor allem die leerstehenden, umfunktionierten und zerstörten Kirchen und Moscheen sind ein Zeugnis der ethnischen Separierung und Abwesenheit ganzer Gemeinden.
Im Rahmen eines DAAD Projekt-Stipendiums ist Johanna Diehls Fotoserie 2008/2009 in Zypern entstanden. Der Titel ‚Displace’* bedeutet sowohl ‚Vertreiben’ als auch ‚Ersetzen’. Er verweist auf die in den Fotografien sichtbare Abwesenheit der Menschen, die ihre Gebetsstätten und ihre Heimat verlassen mussten. Andererseits bezeichnet er den Vorgang der Umwidmung und des Wiederbeschreibens durch eine andere Volksgruppe, die sich in den Dörfern neu angesiedelt hat.
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‚Neues Leben wird gemalt auf die Ruinen‘
in: ‚Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung‘, 25.10.2009/Nr.43, Autor Niklas Maak
Die Trennlinie, die seit 1974 Zypern teilt, ist eine politische ebenso wie eine religiöse: Der Süden ist christlich-orthodox, der Norden muslimisch. Die Fotografin Johanna Diehl zeigt Ruinen verlassener Gotteshäuser auf beiden Seiten. Sie erzählen vom Drama eines Landes. Von Niklas Maak
Die Geschichte hat auf beiden Seiten Ruinen hinterlassen. 1974 wurde auf Zypern bei einem Putsch, den die griechische Junta unterstützte, der Präsident gestürzt; es kam zu Pogromen gegen die muslimische Bevölkerung, in deren Folge die Türkei den Norden der Insel besetzte. Was folgte, war ein dramatischer Exodus auf beiden Seiten, von dem noch heute die Gotteshäuser beider Seiten erzählen: Im Südteil sieht man verlassene Moscheen, Leerstellen in der architektonischen Erzählung der Republik. Im türkisch besetzten Norden ging man mit den verlassenen Kirchen oft anders um: Viele wurden zu Moscheen umgewandelt.
Johanna Diehl, die zu den interessantesten Fotografinnen ihrer Generation gehört, hat auf beiden Seiten diese entleerten, un- oder umgenutzten Gotteshäuser fotografiert. Die formale Strenge ihrer Aufnahmen erinnert aber nur auf den ersten Blick an die Becher-Schule; interessant sind sie gerade wegen ihrer erzählerischen Details und Abweichungen von einer Typisierung. Auf einer Ikonostasis ist ein Graffiti aufgesprüht, aus einer anderen wurden die Bilder entfernt. Anderswo werden die Kirchen mit Teppichen ausgelegt, aufgeklebte Linien aus Kreppstreifen weisen Richtung Mekka, die Gebetsnische, die Mihrab, wird einfach auf eine Kirchenwand gemalt. In diesen Ein- und Überschreibungen von Architektur offenbart sich die komplexe politische Geschichte des Landes auf erstaunlich eindringliche Weise. Wie schon in Johanna Diehls Arbeit über Odessa gelingt es ihr auch hier mit einem fast surreal präzisen Blick für minimale formale Details - dem Muster eines Rockes, den Klebestreifen - das individuelle ebenso wie das kollektive Schicksal von Menschen offenzulegen. Dass diese Menschen meist nicht im Bild zu sehen sind, verstärkt, wie in Filmen von Hitchcock, die Wirkung des zu Erahnenden noch - wie man schon in Diehls Arbeit über "Gefrorene Räume" sehen konnte: Dort dokumentierte sie die Zimmer von Verstorbenen und andere Orte, die seit Jahren unverändert blieben und in denen sich der Raum schleichend von einer Bühne des Alltags in das Denkmal eines abwesenden Lebens wandelte.
(Bis 7. November im Atelierfrankfurt. Ab Januar 2010 wird die Serie in der Galerie Fiebach&Minninger, die Diehl vertritt, in Köln zu sehen sein.)

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‚In den Räumen lesen wir die Zeit‘
in: ‚journal Frankfurt‘, 22/2009, Autorin Grit Weber
Seit 2008 reist Johanna Diehl wiederholt nach Zypern, transportiert ihre Großformat-Kamera in kleine Dörfer, die entweder im türkischen Norden oder im griechischen Süden der Insel liegen. Dort bringt sie den Apparat in ehemaligen Kirchen und Moscheen in Aufstellung, um mit langer Belichtungszeit und kleiner Blende zu fotografieren. Die Bilder erzählen von der Verwundung, die die Orte durch die politischen Ereignisse seit der ethnischen Säuberung in den 1970er-Jahren erfahren haben. Da sind die Ansichten von aufgegebenen orthodoxen Kirchen, in die nach der Vertreibung der griechischen Bevölkerung Gebetsnische und Minbar eingebaut wurden. Teppiche in ornamentaler Verzierung geben nun die Richtung nach Mekka an. Oder aber die Aufnahmen, die verlassene Moscheen im Süden der Insel zeigen. Noch schnell vor dem Fototermin der Künstlerin wurden ihre Wände geweißelt; auf dem blanken Boden aber liegt haufenweise Taubenkot. Sakrale Räume, ganz gleich welchem Gott in ihnen der Dienst erwiesen wird, sind immer hoch symbolisch. Die Geschichte ist voll mit zerstörten, verstümmelten oder einfach umgewidmeten Orten. Diehls Fotografien ergänzen diese Geschichte aber nicht nur um weitere Bilder, sondern geben das Provisorische solcher Bemühungen wieder. (...) >> Weisheit ist transkulturell, zeitlos und erlernbar: zum Beispiel in dieser Schau.
('Displace', Ausstellung, Ffm: Atelierfrankfurt, Hohenstaufenstraße 13-5, bis 7.11.)

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DISPLACE,
2008/2009
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»Installationsansichten
»Publikation 'Displace', FOTOHOF edition 2011
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