Begehbare Erinnerungen
Artikel in ZEIT CAMPUS 3/2007, Autorin Malin Schulz
Was bleibt von mir, wenn ich nicht mehr da bin? Das Bett, in dem ich geschlafen
habe? Das Hemd, das ich trug? Die aufgeschlagene Seite meines Lieblingsbuches?
Wenn jemand von zu Hause fortgeht oder stirbt, werden die Räume, in denen
er lebte, zu stummen Zeugen seiner Geschichte. Räume, in denen die Zeit
stillzustehen scheint. Ein Kleid hängt noch dort, wo es vor Jahren hingehängt
wurde. Ein Abdruck auf einem Kissen, eine Falte im Teppich, die keiner gerade
zieht. Es ist, als existiere der Tote oder Fortgegangene weiter, wenn auch nur
in der Anordnung der Porzellanfiguren oder dem Aufschlag der Bettdeck. Wir nähern
uns diesen Räumen mit Ehrfurcht. Beim Öffnen der Schubladen, beim
Anblick eines Gegenstandes, den der Verstorbene zuletzt berührt hat. Als
sei doch noch jemand da.
Die Fotografin Johanna Diehl hat diesem Gefühl mit der Kamera nachgespürt
und solche längst verlassenen Räume fotografiert. An vierzehn Orte
in ganz Deutschland ist sie gereist, hat sich Schlüssel zu leer stehenden
Häusern und Wohnungen geben lassen, ist über knarrende Dielenböden
geschlichen und hat Türen geöffnet, die seit Jahren verschlossen waren.
»Manchmal war das schon sehr unheimlich. Einmal war ich in einem Keller
und habe dort das Licht angemacht, als plötzlich das Radio anfing, laut
Musik zu spielen«, erzählt sie. »Später stellte sich heraus,
dass der Besitzer den Lichtschalter mit dem Radio verbunden hatte.« Teilweise
waren die Bewohner verstorben, teilweise fortgezogen, manche Räume wurden
auch noch von den Zurückgebliebenen gepflegt, die den Raum ihres Ehepartners
genau so belassen haben, wie er am Todestag war. Johanna Diehl nennt diese Orte
»gefrorene Räume«. Es sind begehbare Erinnerungen.
»Ich habe damit angefangen, in verlassenen Zimmern im Haus meiner Oma
zu fotografieren«, sagt die Fotografin. »Das war wie eine kleine
Zeitreise. Das ehemalige Kinderzimmer meines Vaters, das alte Arbeitszimmer
meines Großvaters. Alles war noch genauso wie damals, als ich Kind war.
Jetzt ist dort niemand mehr, und irgendwie spüre ich trotzdem eine seltsame
Anwesenheit. Dieses Gefühl hat mich fasziniert.« Mit Hilfe von Freunden
und Familie fing sie an, nach unbewohnten Häusern und Wohungen zu suchen.
Nicht die Dokumentation des Schicksals der ehemaligen Bewohner steht für
Johanna Diehl im Mittelpunkt, sondern die Stimmung der Vergänglichkeit.
Deshalb verrät sie keine Details zu den Bildern – die Räume,
Möbel und Gegenstände sollen ihre Geschichte selbst erzählen.
Für die Aufnahmen veränderte die Fotografin nichts, kein Möbelstück
wurde aus kompositorischen Gründen verschoben. So behält jedes Zimmer
seine Einzigartigkeit, seine besondere Atmosphäre. »Sobald man etwas
verändert, geht das Gefühl verloren. Das merkt man zum Beispiel in
Museen, auch dort sieht man Habseligkeiten von Toten«, sagt die Fotografin.
»Aber man spürt ihre Besitzer nicht mehr.« Fast scheint es,
als seien Johanna Diehls Aufnahmen keine Fotos von Räumen, sondern Porträts
der Menschen, die hier lebten. »Ich hatte mit der Zeit zwar immer weniger
Furcht«, sagt sie. »Die Ehrfurcht aber blieb.«
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