‚Die Guerilla ist da‘
in: ‚Frankfurter Allgemeine Zeitung‘, 09.04.2010/Nr.82, Autor Niklas Maak

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‚Glaubenssache - Kirchen zu Moscheen: Fotografien von Johanna Diehl in der Galerie Tolksdorf‘
in: ‚Der Tagesspiegel‘, 03.04.2010, Autorin Simone Reber
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‚Neues Leben wird gemalt auf die Ruinen‘
in: ‚Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung‘, 25.10.2009/Nr.43, Autor Niklas Maak
Die Trennlinie, die seit 1974 Zypern teilt, ist eine politische ebenso wie eine religiöse: Der Süden ist christlich-orthodox, der Norden muslimisch. Die Fotografin Johanna Diehl zeigt Ruinen verlassener Gotteshäuser auf beiden Seiten. Sie erzählen vom Drama eines Landes. Von Niklas Maak
Die Geschichte hat auf beiden Seiten Ruinen hinterlassen. 1974 wurde auf Zypern bei einem Putsch, den die griechische Junta unterstützte, der Präsident gestürzt; es kam zu Pogromen gegen die muslimische Bevölkerung, in deren Folge die Türkei den Norden der Insel besetzte. Was folgte, war ein dramatischer Exodus auf beiden Seiten, von dem noch heute die Gotteshäuser beider Seiten erzählen: Im Südteil sieht man verlassene Moscheen, Leerstellen in der architektonischen Erzählung der Republik. Im türkisch besetzten Norden ging man mit den verlassenen Kirchen oft anders um: Viele wurden zu Moscheen umgewandelt.
Johanna Diehl, die zu den interessantesten Fotografinnen ihrer Generation gehört, hat auf beiden Seiten diese entleerten, un- oder umgenutzten Gotteshäuser fotografiert. Die formale Strenge ihrer Aufnahmen erinnert aber nur auf den ersten Blick an die Becher-Schule; interessant sind sie gerade wegen ihrer erzählerischen Details und Abweichungen von einer Typisierung. Auf einer Ikonostasis ist ein Graffiti aufgesprüht, aus einer anderen wurden die Bilder entfernt. Anderswo werden die Kirchen mit Teppichen ausgelegt, aufgeklebte Linien aus Kreppstreifen weisen Richtung Mekka, die Gebetsnische, die Mihrab, wird einfach auf eine Kirchenwand gemalt. In diesen Ein- und Überschreibungen von Architektur offenbart sich die komplexe politische Geschichte des Landes auf erstaunlich eindringliche Weise. Wie schon in Johanna Diehls Arbeit über Odessa gelingt es ihr auch hier mit einem fast surreal präzisen Blick für minimale formale Details - dem Muster eines Rockes, den Klebestreifen - das individuelle ebenso wie das kollektive Schicksal von Menschen offenzulegen. Dass diese Menschen meist nicht im Bild zu sehen sind, verstärkt, wie in Filmen von Hitchcock, die Wirkung des zu Erahnenden noch - wie man schon in Diehls Arbeit über "Gefrorene Räume" sehen konnte: Dort dokumentierte sie die Zimmer von Verstorbenen und andere Orte, die seit Jahren unverändert blieben und in denen sich der Raum schleichend von einer Bühne des Alltags in das Denkmal eines abwesenden Lebens wandelte.
(Bis 7. November im Atelierfrankfurt. Ab Januar 2010 wird die Serie in der Galerie Fiebach&Minninger, die Diehl vertritt, in Köln zu sehen sein.)
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‚In den Räumen lesen wir die Zeit‘
in: ‚journal Frankfurt‘, 22/2009, Autorin Grit Weber
Seit 2008 reist Johanna Diehl wiederholt nach Zypern, transportiert ihre Großformat-Kamera in kleine Dörfer, die entweder im türkischen Norden oder im griechischen Süden der Insel liegen. Dort bringt sie den Apparat in ehemaligen Kirchen und Moscheen in Aufstellung, um mit langer Belichtungszeit und kleiner Blende zu fotografieren. Die Bilder erzählen von der Verwundung, die die Orte durch die politischen Ereignisse seit der ethnischen Säuberung in den 1970er-Jahren erfahren haben. Da sind die Ansichten von aufgegebenen orthodoxen Kirchen, in die nach der Vertreibung der griechischen Bevölkerung Gebetsnische und Minbar eingebaut wurden. Teppiche in ornamentaler Verzierung geben nun die Richtung nach Mekka an. Oder aber die Aufnahmen, die verlassene Moscheen im Süden der Insel zeigen. Noch schnell vor dem Fototermin der Künstlerin wurden ihre Wände geweißelt; auf dem blanken Boden aber liegt haufenweise Taubenkot. Sakrale Räume, ganz gleich welchem Gott in ihnen der Dienst erwiesen wird, sind immer hoch symbolisch. Die Geschichte ist voll mit zerstörten, verstümmelten oder einfach umgewidmeten Orten. Diehls Fotografien ergänzen diese Geschichte aber nicht nur um weitere Bilder, sondern geben das Provisorische solcher Bemühungen wieder. (...) >> Weisheit ist transkulturell, zeitlos und erlernbar: zum Beispiel in dieser Schau.
('Displace', Ausstellung, Ffm: Atelierfrankfurt, Hohenstaufenstraße 13-5, bis 7.11.)
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Begehbare Erinnerungen
Artikel in ZEIT CAMPUS 3/2007, Autorin Malin Schulz
Was bleibt von mir, wenn ich nicht mehr da bin? Das Bett, in dem ich geschlafen
habe? Das Hemd, das ich trug? Die aufgeschlagene Seite meines Lieblingsbuches?
Wenn jemand von zu Hause fortgeht oder stirbt, werden die Räume, in denen
er lebte, zu stummen Zeugen seiner Geschichte. Räume, in denen die Zeit
stillzustehen scheint. Ein Kleid hängt noch dort, wo es vor Jahren hingehängt
wurde. Ein Abdruck auf einem Kissen, eine Falte im Teppich, die keiner gerade
zieht. Es ist, als existiere der Tote oder Fortgegangene weiter, wenn auch nur
in der Anordnung der Porzellanfiguren oder dem Aufschlag der Bettdeck. Wir nähern
uns diesen Räumen mit Ehrfurcht. Beim Öffnen der Schubladen, beim
Anblick eines Gegenstandes, den der Verstorbene zuletzt berührt hat. Als
sei doch noch jemand da.
Die Fotografin Johanna Diehl hat diesem Gefühl mit der Kamera nachgespürt
und solche längst verlassenen Räume fotografiert. An vierzehn Orte
in ganz Deutschland ist sie gereist, hat sich Schlüssel zu leer stehenden
Häusern und Wohnungen geben lassen, ist über knarrende Dielenböden
geschlichen und hat Türen geöffnet, die seit Jahren verschlossen waren.
»Manchmal war das schon sehr unheimlich. Einmal war ich in einem Keller
und habe dort das Licht angemacht, als plötzlich das Radio anfing, laut
Musik zu spielen«, erzählt sie. »Später stellte sich heraus,
dass der Besitzer den Lichtschalter mit dem Radio verbunden hatte.« Teilweise
waren die Bewohner verstorben, teilweise fortgezogen, manche Räume wurden
auch noch von den Zurückgebliebenen gepflegt, die den Raum ihres Ehepartners
genau so belassen haben, wie er am Todestag war. Johanna Diehl nennt diese Orte
»gefrorene Räume«. Es sind begehbare Erinnerungen.
»Ich habe damit angefangen, in verlassenen Zimmern im Haus meiner Oma
zu fotografieren«, sagt die Fotografin. »Das war wie eine kleine
Zeitreise. Das ehemalige Kinderzimmer meines Vaters, das alte Arbeitszimmer
meines Großvaters. Alles war noch genauso wie damals, als ich Kind war.
Jetzt ist dort niemand mehr, und irgendwie spüre ich trotzdem eine seltsame
Anwesenheit. Dieses Gefühl hat mich fasziniert.« Mit Hilfe von Freunden
und Familie fing sie an, nach unbewohnten Häusern und Wohungen zu suchen.
Nicht die Dokumentation des Schicksals der ehemaligen Bewohner steht für
Johanna Diehl im Mittelpunkt, sondern die Stimmung der Vergänglichkeit.
Deshalb verrät sie keine Details zu den Bildern – die Räume,
Möbel und Gegenstände sollen ihre Geschichte selbst erzählen.
Für die Aufnahmen veränderte die Fotografin nichts, kein Möbelstück
wurde aus kompositorischen Gründen verschoben. So behält jedes Zimmer
seine Einzigartigkeit, seine besondere Atmosphäre. »Sobald man etwas
verändert, geht das Gefühl verloren. Das merkt man zum Beispiel in
Museen, auch dort sieht man Habseligkeiten von Toten«, sagt die Fotografin.
»Aber man spürt ihre Besitzer nicht mehr.« Fast scheint es,
als seien Johanna Diehls Aufnahmen keine Fotos von Räumen, sondern Porträts
der Menschen, die hier lebten. »Ich hatte mit der Zeit zwar immer weniger
Furcht«, sagt sie. »Die Ehrfurcht aber blieb.«
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